Erhöht die Einnahme von Beta-Carotin das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken?

Die weit verbreitete Meinung lautet: Ja.  Bei genauerer Betrachtung der Studien stellt sich der Sachverhalt anders dar.
 
Nebenbemerkungen: a) Auch wenn ich in der Folge darlegen möchte, dass Beta-Carotin-Einnahme als Nahrungsergänzung das Lungenkrebsrisiko nicht erhöht, berate ich normalerweise dahingehend, das Beta-Carotin über Obst und Gemüse zu sich zu nehmen.
b) Die folgenden Ausführungen sind deshalb so ausführlich ausgefallen, da das Thema immer wieder in Unterhaltungen aufkommt. Der Verweis auf diese Internetseite spart Zeit, schont den Kehlkopf und die Info ist jederzeit abrufbar.

ATBC-Studie: In dieser Studie wurden 29.133 Männer, die seit durchschnittlich 36 Jahren Raucher waren, über 6 Jahre untersucht. Der Teil der Männer, der "behandelt" wurde, bekam täglich 50 mg Vitamin E (Alpha-Tocopherol) und 20mg Beta-Carotin. Bei diesen behandelten Männern zeigte sich ein um 18 % erhöhtes Lungenkrebsrisiko (relatives Risiko 1,18) als in der Kontrollgruppe und dieses Ergebnis wurde verbreitet.
Betrachtet man jedoch die Untergruppen, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Das Lungenkrebsrisiko war nur erhöht, wenn mehr als 20 Zigaretten pro Tag geraucht wurden. Bei denen, die 5-19 Zigaretten rauchten, war das Risiko unter der Behandlung niedriger (relatives Risiko 0,97)! Betrachtet man die Männer, die zusätzlich noch 11 g Alkohol zu sich nahmen, erhöhte sich das Risiko deutlich mehr (relatives Risiko 1,35). Rechnet man nur die Männer, die rauchten, aber keinen Alkohol zu sich nahmen, war das  Risiko bei allen Rauchern nicht mehr um 18 % erhöht, sondern nur mehr um 3%, was nicht mehr signifikant war. Das heißt: Die korrekte Aussage der Studie müsste lauten: "Wenn man mehr als 19 Zigaretten am Tag raucht und Alkohol trinkt, hat man ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs". 
Das Beta-Carotin dürfte eher einen schützenden Effekt vor Lungenkrebs haben. Dies wird deutlich, wenn man die Kontrollgruppe betrachtet, also diejenigen Männer, die kein Vitamin E und kein Beta-Carotin erhielten. Bei diesen Männern hat man die Blutspiegel vom Beta-Carotin gemessen. Es stellte sich heraus, dass in dieser Kontrollgruppe diejenigen Männer mit den niedrigsten Blutspiegeln an Beta-Carotin das höchste Risiko für Lungenkrebs hatten.

CARET-Studie (Beta-Carotene and Retinol Trial, "Asbest-Studie"): In dieser Studie wurden 18.314 Probanden erfasst (alle über 40). Davon waren 7.060 über 5 Jahre asbestexponiert und 14.254 starke Raucher mit 24-28 Zigaretten am Tag. 34 % waren Ex-Raucher. Die "behandelten" bekamen 30mg Beta-Carotin und 7,5 mg Vitamin A (25.000 IE) .
Ergebnis: 28%iger Anstieg des Lungenkrebsrisikos, 15% mehr Todesfälle bei aktivenRauchern, 20% verringertes Lungenkrebsrisiko bei Ex-Rauchern. Alle drei Aussagen waren statistisch NICHT signifikant. Diese Studie wird auch von Ernährungsmedizinern angeführt, um zu zeigen, dass Beta-Carotin das Lungenkrebsrisiko erhöht. Mit der Betonung, dass diese Studie wegen des erhöhten Krebsrisikos sogar abgebrochen wurde. Wer mag an dieser Aussage noch zweifeln?
Nun, immerhin hatten die Ex-Raucher ein um 20 % verringertes Risiko für Lungenkrebs (genauso wenig signifikant, wie die anderen Ergebnisse).Und: Diejenigen, mit den höchsten Beta-Carotin-Ausgangswerten im Blut, hatten ein um 40 % geringeres (!) Risiko, Lungenkrebs zu entwickeln. Die Hochrisikogruppe waren kombinierte Raucher und Trinker (wie in der ATBC-Studie).  Relatives Risiko insgesamt: 1,28, Asbestarbeiter 1,4, Raucher 1,42 und Ex-Raucher 0,8.
Aus Sicht der Orthomolekularmediziner stellt in dieser Studie eher das Vitamin A das Problem dar.  Vitamin A ist ein Hormon, welches auf  Wachstum und Differenzierung von Zellen Einfluss hat. Es hat bei systemischer Einnahme eine teratogene Wirkung, d.h. es kann beim Embryo zu Fehlbildungen führen. Die offiziellen DACH-Empfehlungen liegen bei einer täglichen Zufuhr von etwa 3000 IE ( in der Studie wurden 25.000 gegeben), die DGE ( dt. Gesellschaft für Ernährung) rät zu 1mg am Tag, in der Studie waren es 7,5 Gramm. In der Orthomolekularmedizin wird deshalb bevorzugt Beta-Carotin supplementiert, aus dem sich der Körper das benötigte Vitamin A selbst ,in der benötigten Menge, abspaltet.
PHS-Studie (Physicians Health Study):  Diese Studie bestätigt das Ergebnis der differenzierten Betrachtungsweise der o.g. Studien. In der PHS-Studie, bekamen 22.071 amerikanische Ärzte (40 -84a) 12 Jahre lang jeden zweiten Tag 50mg Beta-Carotin. Es zeigte sich kein Effekt bezüglich Krebs, Herzerkrankungen und Gesamtmortalität. 11 % der Ärzte waren Raucher. Sie hatten kein erhöhtes Lungenkrebsrisiko (relatives Risiko 0,90). 39% waren Ex-Raucher. Ihr relatives Risiko lag bei 1,0 (also weder erhöht, noch vermindert). 50% waren Nichtraucher. Ihr relatives Risiko lag bei 0,78, war also im Schnitt vermindert. Also: Kein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs bei Rauchern unter Einnahme von Beta-Carotin :-).